Die Kunst des Existierens

Street Art Foto: Ein aufgebrochener Vogelkäfig. Links daneben fliegen drei Vögel in rosa Farbe weg.

Die Gedankenwelt eines Obdachlosen. Inspiriert von einem sehr eindrucksvollen Gespräch.

Ein ruhiger Morgen. Die geschäftigen Menschen haben bereits ihr Büro betreten. Genau diese Zeit am Tag mag ich am liebsten. Besonders an einem milden sonnigen Morgen wie heute. Es ist die Jahreszeit, in der ich nicht mehr eindeutig sagen könnte, ob es schon Frühling oder noch Winter ist. Vereinzelt strecken bereits zaghaft Blumen ihre Hälse hervor, noch etwas zurückhaltend und sich fragend, ob sie nun tatsächlich schon ihre Blüten entfalten sollen. Oft sind die Tage zu dieser Zeit noch nass, grau und kalt – das typische Winterwetter in Köln. Doch heute streift mir eine leicht warme Brise um die Nase und die Luft ist erfüllt von zartem Blütenduft.

Hier wach und aufmerksam am Straßenrand zu sitzen ist für mich wie ein Tor zur Welt: Ich bekomme hier alles mit. – Was beschäftigt die Leute, worüber berichten die Nachrichten aktuell, was ist gerade Thema? – Und das schon über ein Jahrzehnt: Ich bin Bettler, Zuhörer, Schmarotzer, Freund, Gesindel, eine gute Seele, ein stinkender Nichtsnutz, die personifizierte Freiheit…je nachdem und aus welchem Winkel du mich betrachtest.

Mehr und mehr füllt sich der Gehsteig mit Menschen. Die alte Dame mit ihrem braunen ziehbaren Einkaufswagen kommt vorbei. Sie grüßt wie immer heiter freundlich und wartet mit forderndem Blick auf meine Frage, wie ihr befinden denn sei. Weil ich lediglich zum Gruß nicke, antwortet sie ohne gefragt worden zu sein: „Mir geht es wieder besser. Schwer war das mit diesem Husten. Aber jetzt ist es wieder gut.“ Ich nicke wieder. Sie lächelt zufrieden und betritt den Supermarkt. Ich weiß, dass sie mir gleich etwas Obst mitbringen wird: „Etwas gesundes für Sie“, wird sie sagen und selbstzufrieden über ihre gute Tat nach Hause gehen. Ich gönne der alten Frau diese Momente ihres Wohltäterinnen-Daseins.

Ich bin nicht neidisch. Ich liebe mein Leben. Allein dass ich existiere, ist ein großartiges Geschenk.“

Bei dem Gedanken an mein Leben vor der Straße spüre ich einen schmerzhaften Stich in der Brust – keinen physischen Schmerz, aber dennoch fühle ich ihn deutlich im Körper. Eine zeitlang führte ich ein ganz normales Leben: Familienalltag mit Höhen und Tiefen. Max war elf, Ella sechs. Dann der Unfall: beide Kinder tödlich verunglückt. Der unendliche Verlust, der Schmerz, das Leid, die Verzweiflung, Monikas Depression, die Trennung, der Absturz, Betäubung, nichts mehr spüren, leere Träume, viel Alkohol, ein kalter Heroinentzug – und schließlich die Liebe zum Leben neu gefunden….

Ich versuche die Gedanken an damals weg zu drängen. Jetzt ist nicht die Zeit für Erinnerungen an ein anderes Leben; an eine gewöhnliche schöne Welt, in der ich mal lebte, die es aber schon lange nicht mehr gibt. Ich habe gelernt damit umzugehen. Mein Sekretär im Kopf hilft mir dabei. Er ordnet die Gedanken in Schubladen. Schubladen lassen sich nach Bedarf verschließen und öffnen. Eben nur dann, wenn ich deren Inhalte brauche oder bereit dafür bin. Ansonsten kann ich sie jederzeit wieder zumachen, Erinnerungen und Gedanken darin verbannen. So habe ich die Kontrolle.

Nur abends, wenn ich ganz alleine bin und meine Ruhe habe, lasse ich alles raus, lasse Gedanken und Gefühle Karussell fahren. Oft überfordert mich das, aber ich habe gelernt alles zuzulassen. Ich weine nie vor anderen, bin immer ruhig, freundlich, gelassen. Doch wenn ich für mich alleine bin, lasse ich den Tränen freien Lauf. Ich schluchze dann vor mich hin und spüre die lauwarmen Rinnsale, die mir über die Wangen streifen und am Ende als Tropfen hinunterfallen. Ich glaube, es ist eine gute Art mit Gefühlen umzugehen; für mich zumindest.

„Ich bin Diplomat. Meine Waffen sind Worte. Oft helfen die mehr als Fäuste. Ich habe mich auf diese Art hier profiliert.“

Der Zusammenhalt zwischen Obdachlosen hat stark nachgelassen in den letzten Jahren. Es kommen immer mehr Menschen dazu. Anstatt eine Schicksalsgemeinschaft zu sein, herrscht heute oft ein erbitteter Konkurrenzkampf. Ich kann mich noch genau an den Tag der Messerstecherei erinnern. Es ging um das Drogenrevier. Da vorne auf dem großen Platz, direkt neben der Bronzestatue ist es passiert. Es ist noch nicht lange her – vielleicht vier Monate. Die Polizei war schnell da, doch haben sie wenig unternommen. Ich habe den Verwundeten am Boden liegen sehen. Sie darauf hingewiesen, dass sie die Blutung schnell stoppen müssen…Vergeblich. Wer hört schon auf einen Obdachlosen? Sie haben ein weißes Laken zur Abschirmung vorgehalten. Nach einer Weile kam ein Arzt, um lediglich den Tod des Verletzten festzustellen. Anschließend wurde der Leichnam in einem einfachen Plastiksarg abtransportiert.

Als Waisenkind lebte ich in mehreren Pflegefamilien, bis ich dann im Pubertätsalter eine Zumutung für sämtliche Familienalltage war. Also wurde ich in einem Jungendheim untergebracht. Dort arbeitete meine Heldin Rebekka. An sie denke ich immer wieder gerne zurück. Sie hat mir jegliches Vertrauen geschenkt, mir das Gefühl gegeben, immer Halt zu finden. Bei meinem ersten schweren Liebeskummer hat sie mich in den Arm genommen und als es darum ging, mich wegen verschiedenen Regelverstößen aus dem Heim zu werfen, hat sie mich heftigst verteidigt. Ich durfte bleiben. An meinem 18. Geburtstag und gleichzeitig dem Abschied aus dem Jugendheim durfte ich in ihrer Gartenlaube feiern – an diese legendäre Party denke ich heute noch oft zurück…

„Ich bin ein Mensch, keine Marionette in einem Spiel.“

Die Sonnenstrahlen treffen nun genau auf den Platz neben mir. Oft sitzt Eva dort. Sie ist sehr jung – Anfang zwanzig. Sie ist gehört zu den Menschen, die ich hier an meinem Platz sehr wohl ertrage. Wenn mich jemand stört werde ich aber nie gewalttätig. Natürlich bin ich alter Knochen den Meisten körperlich weit unterlegen. Aber wer wäre schon stolz darauf, einen alten Mann zu verprügeln? Ich werde hier respektiert. Warum? Weil ich andere respektiere. Und weil ich gut zuhören kann. Manche nennen mich den Straßenpsychologen. Eva ist nicht obdachlos: Sie lebt mit etwa zwanzig anderen in einer Zweizimmer-Wohnung in der Südstadt. Aber Geld zum Leben braucht sie ja trotzdem. Niemand muss in diesem Land betteln? Eva und ich haben eine große Gemeinsamkeit: wir sind Menschen mit einem gewissen Stolz und einem hohen Streben nach Selbstbestimmung. Wir nehmen unser Leben gerne selbst in die Hand.

Meine Seele wurde schon in der Kindheit zu viel gezügelt und gezähmt. Nie konnte ich meinen Leidenschaften nachgeben, nie wurden meine Talente gefördert. Meine Erfahrungen mit einem unterdrückenden statt unterstützenden Hilfesystem sitzen zu tief. Ich möchte nie wieder das Gefühl haben fremdbestimmt zu sein: so viele Regeln und Auflagen erfüllen zu müssen. Und dann soll ich mehr als dankbar dafür sein, eine Art Almosen zu bekommen? Ich bin ein Mensch, keine Marionette in einem Spiel. Reicht meine pure Existenz nicht einfach aus? Nein? Dann verdiene ich mein Geld lieber selbst – indem ich Menschen ein Lächeln schenke, zuhöre und durch meine freundliche Art ihren Tag aufhelle – etwas wovon ein starker Mangel und somit großer Bedarf hier herrscht.

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